Begegnung an 100 Orten

Von Flüchtlingsrat bis Feuerwehr 
„Begegnungen an 100 Orten“ für Katholikentagsbesucher und Leipziger

Von Friederike Ursprung

"Seht, da ist der Mensch!" Oft waren es ganz schön viele Menschen auf einmal in den Kirchen und auf den Straßen. Aber auch persönliche Begegnungen standen auf dem Programm: Am Fronleichnamstag machten sich Katholikentagsteilnehmer als „Kundschafter“ auf zu persönlichen Begegnungen an Orten, an denen Menschen für Menschen da sind – nicht nur .

Vormittags unter den Ehrengästen des Fronleichnamsgottesdienstes, mittags wenige Straßen weiter unter Wohnungslosen: als ZdK-Mitglied hat Ursula Becker aus Aachen während des Katholikentages einige Privilegien erlebt - und einen Perspektivwechsel: „Jetzt das Kontrastprogramm, nicht in dem VIP-Bereich zu sein, finde ich super!“
Mit ihrem Mann ist sie in die „Oase“ gekommen, die ökumenische Kontaktstube für Wohnungslose, gemeinsam getragen von Diakonie und Caritas. Die Eindrücke dort vergleicht Ursula Becker mit den Erfahrungen, die sie in letzter Zeit in der Flüchtlingsarbeit gesammelt hat: „Was mit den Flüchtlingen für mich eine wichtige Erfahrung war: es wird immer davon gesprochen: ‚Die Leute haben Angst‘ – ja ich hatte auch Angst; und ich habe die so Stück für Stück abgebaut. Und jetzt hoffe ich hier, da wieder so ein Stückchen von abbauen zu können!“
Täglich kommen etwa 70 bis 90 Menschen in die Oase: zum Essen, in die Kleiderkammer; auch zum Duschen und Wäschewaschen finde sie hier Gelegenheit. Dazu kommen Räume für Sozialberatung in Einzelgesprächen und Gruppenangeboten – sowie Freizeitangebote und eine eigene Werkstatt für Holz- und Plastikarbeiten. Ihr Leiter Christoph Köst freut sich über die Möglichkeit, Katholikentagsbesucher zu empfangen, „weil die Oase ein wirklicher Ort der Begegnung ist: Einmal, dass sich Menschen begegnen, die wohnungslos und bedürftig sind, dass wir Mitarbeiter ihnen begegnen, aber dass immer wieder auch Menschen von draußen kommen. Es gibt immer wieder Gott sei Dank Menschen, die Interesse haben, die kucken und dann auch feststellen: Ja, das sind Menschen wie wir. Und wenn sie ganz gut, ganz tief gucken: Ja, das ist eigentlich einer wie ich!“
Sehen lernen: Wer ist der Mensch? Was braucht er?

Gleich zur Begrüßung hat er den Beckers erklärt, er wäre gespannt, ob sie unterscheiden können, wer hier Gast oder Mitarbeiter ist. Der Testfall tritt ein, als eine junge Frau an die Bürotür klopft, einige Unterlagen abgibt und mit Christoph Köst organisatorische Dinge bespricht. Ursula Becker hat gleich vermutet, dass sie wohl falsch tippen würde; und tatsächlich: die kompetent wirkende Frau ist keine Mitarbeiterin, sondern ein Oase-Gast. Im großen Speiseraum, wo es heute Spaghetti mit Hackfleischsoße gibt, kommen sie noch mit weiteren Besuchern ins Gespräch: „Wir sind gerade wieder dabei – es ist ja nicht neu -, zu lernen, Menschen wieder sehr deutlich zu sehen“, fasst Ursula Becker zusammen, „das haben wir durch die Flüchtlinge einfach wieder neu gelernt. Wir kommen aus einem sozialen Beruf, aber da guckt man so professionell auf die Leute. Und jetzt können wir einfach gucken: wer ist jetzt vor uns? Was braucht der oder die? Und wie können wir einfach ein Stück dabei bleiben?“
Christoph Köst möchte den Kundschaftern des Katholikentages eine Botschaft mitgeben: „Wenn ich aus dem Milieu raus will, dann muss ich auch die Freunde wechseln; ich muss Freunde irgendwo anders haben: Dort, wo Menschen sind, die das Leben lieben, die Menschen lieben, mit mir bereit sind zu gehen, im Herzen einen Platz zu haben. Und da muss ich fragen: Wie sieht es in unseren Gemeinden aus? Gibt es da Platz?“

Zu den „Begegnungen an 100 Orten“ luden nicht nur Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft ein: Genauso waren es das Familien-Infobüro der Stadt Leipzig, der ambulante Hospizverein und das Kinderhospiz Bärenherz, Beratungsstellen, Krankenhäuser, Post, Feuerwehr und noch viele mehr. Elke Herrmann aus Crimmitschau gehört zum Diözesanrat des Bistums Dresden-Meißen und erklärt die Idee: „Wir wollen ja keinen abgeschlossenen Katholikentag machen, sondern wir wollen mit den Leipzigern auch ins Gespräch kommen und uns austauschen. Ganz wichtiges Motto dabei war: Einladen und einladen lassen. Einfach erfahren, wie es den Leipzigern geht, wie sie mit bestimmten Themen umgehen, die uns auch interessieren, ob es da Ideen gibt. Es geht darum, einfach Erfahrungen miteinander zu teilen, die die Gäste vielleicht gedanklich mitnehmen können in den nächsten Gottesdienst oder ein nächstes Gespräch.“
Sie selbst ist als Kundschafterin beim Flüchtlingsrat Leipzig unterwegs. Seit Gründung des gemeinnützigen Vereins vor 25 Jahren sind die kirchlichen Ausländerbeauftragten Mitglieder; und mit der 2015 gegründeten ökumenischen Flüchtlingshilfe arbeitet der Flüchtlingsrat eng zusammen – doch er reicht weit über Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus. Die Aufgaben umfassen die Interessenvertretung geflüchteter Menschen gegenüber Behörden und Öffentlichkeit ebenso wie praktische Unterstützung: wie etwa Sprachkurse, Begleitung und Übersetzung bei Ärzten und Behörden, Hilfe bei der Wohnungssuche. Auch wenn jemand nicht in Deutschland bleiben kann, bemüht sich der Flüchtlingsrat um Lösungen, wie es im Heimatland weitergehen kann und sie nach einer Rückkehr möglichst „weich landen“
„Wir fragen nach dem Bedarf, nicht nach dem Pass“ – so erklärt Sprecherin Sonja Brogiato eine der Maximen des Flüchtlingsrats. Eine weitere ist die pazifistische Ausrichtung: „Auch bei verschiedenen Auffassungen gilt: wir haben keinen Feind!“

Auch die Katholikentags-Kundschafter aus Sachsen und dem Rheinland bringen Erfahrungen aus der Flüchtlings- und Ausländerarbeit mit, und so entstehen gleich interessierte Gespräche über Ehrenamt, Spendenverteilung, Deutschkurse, und Dolmetscher.
Durch die Nähe zur Universität hat der Flüchtlingsrat einen Pool von Übersetzern für verschiedene Sprachen zur Verfügung; zahlreiche ehrenamtliche Helfer engagieren sich. Besonders viele von ihnen beteiligen sich seit zwei Jahren am Flüchtlingspaten-Programm des Flüchtlingsrats und der Stadt Leipzig. Die Erfahrungen damit schildert Sonja Brogiato den interessierten Besuchern; auch wie viel Schulung und Begleitung nötig sind, um Missverständnisse, Enttäuschungen und Verletzungen zu vermeiden – oder auch schlicht das Risiko, dass jemand etwa über die Flüchtlingspatenschaften einfach eine billige Haushaltshilfe gewinnen will

„Wer um Hilfe ruft, kriegt auch seine Hilfe“

Fachsimpeleien ganz anderer Art erlebten die Kundschafter in der Leipziger Hauptfeuerwache: Hierher sind Besucher mit kleinen Kindern gekommen. Ein Löschfahrzeug steht im Hof; die kleinen Gäste im Vorschul- und Grundschulalter lassen sich mit Feuerwehrhelm fotografieren und erkunden begeistert die Ausrüstung: Schläuche, Pumpen, Atemschutzmasken und einen riesigen Ventilator, der im Fall des Falles giftigen Rauch wegbläst. Überhaupt, der Rauch: „Lauft vor dem Rauch weg!“, schärft Feuerwehrmann Mario Richter den kleinen Zuhörern ein. „Weglaufen ist viel mutiger als sich zu verstecken! Und warum? Es muss doch auch mal jemand der Feuerwehr Bescheid sagen, dass es brennt! Wenn du dich aber versteckst – woher soll ich denn dann wissen, dass es brennt?“

Feuerwehr beim Katholikentag? Brigitte Peters aus der Leipziger Propsteigemeinde findet das passend. Beim Vorbeigehen hat sie schon oft die Neugier ihrer Kinder erlebt und das Begegnungsangebot gern angenommen: „Wir haben zuhause schon drüber gesprochen, dass Feuerwehr auch Lebensrettung macht, Menschen hilft – also unter menschlichem Aspekt ist Feuer löschen mehr als die reine Brandbekämpfung!“
Ihr gefällt die Begegnungs-Idee, „Menschen zu treffen, die mit Menschen und für Menschen arbeiten, und das Blickfeld zu weiten, auch an den verschiedensten Orten, die nicht alle kirchlich sind.“
Feuerwehrsprecher Joachim Petrasch stimmt ihr im Gespräch zu. Er ist in der DDR aufgewachsen, ohne kirchliche Bindung, wohl aber mit klaren Wertvorstellungen zu Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe und Nächstenliebe. Das Katholikentagsmotto „Seht, da ist der Mensch heißt für ihn: „Jeder, der um Hilfe ruft, der kriegt auch seine Hilfe!“

Friederike Ursprung ist evangelische Kirchenredakteurin für die sächsischen Privatradioprogramme RADIO PSR und R.SA.

Fotos: Eric Kemnitz, Rechte Diözesanrat Bistum Dresden-Meißen

 

 


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