Gedanken von Dr. Nikolaus Legutke, Vorstandsvorsitzender des Diözesanrates

Ökumene war für viele Christen im Osten Deutschlands überlebensnotwendig. Daraus wurde im Laufe der Zeit dann aber sowohl ein emotionales als auch ein rationales Bedürfnis. Die rationalen Aspekte wurden von der Theologie bestimmt, die auch auf die theologischen Grenzen der Ökumene hinwiesen, während in den Gemeinden ökumenisches Miteinander - ganz praktisch und nah - gelebt wurde.

Das Zweite Vatikanische Konzil im Dekret „Unitatis redinegratio“ die ökumenische Bewegung als Zeichen der Wirksamkeit des Heiligen Geistes anerkannt (Kardinal Kaspers).
Zwar gibt es immer wieder einmal Stimmen, die die Verbindlichkeit dieses Konzilsdekrets in Frage stellen. Eines Dekrets, das im Übrigen in sehr starkem Maße von einem Leipziger  Oratorianer mitgeprägt wurde – von Dr. Werner Becker. Durch die Magdeburger „Erklärung zur Taufe“  und die „Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ hatte die ökumenische Bewegung in den vergangen Jahrzehnten jedoch wieder Auftrieb erhalten – wenngleich durch die Enzyklika „Dominus Jesus“ erneut Misstöne hineingetragen wurden.

Ungeachtet der theologischen Diskussionen hat die ökumenische Bewegung im Leben der Kirchgemeinden in den vergangenen Jahrzehnten im Osten Deutschlands beständig an Bedeutung gewonnen. Sicher standen am Anfang die Bedrängnisse durch den Staat DDR im Vordergrund. Die Vielzahl christlich geführter Friedens- und Umweltinitiativen waren eine der Grundlagen der friedlichen Revolution von 1989. Doch auch danach waren es die gemeinsamen gesellschaftlichen Ziele, die die Ökumene wach hielten: etwa der Umweltschutz, zunehmend das Engagement für die Eine Welt, aber auch die Hilfe und für Asylsuchende und Geflüchtete. In Themen- und Aufgabenfeldern wie diesen entdeckten viele Beteiligten eine sehr große Bandbreite an Übereinstimmung und Gemeinschaftssinn über Konfessionsgrenzen hinweg.

Wir lernten, dass die Bibel die gemeinsame Grundlage unseres Glaubens ist: ökumenische Bibelkreise sind in vielen Gemeinden eine Selbstverständlichkeit geworden. Wir machten uns wieder und wieder bewusst, dass wir an den Einen Gott glaubten, an den einen Herrn Jesus Christus und an den Heiligen Geist. Aus diesem Glauben und Wissen heraus erwuchs der ökumenischen Bewegung eine Kraft, die nicht mehr aufzuhalten ist - weil sie in den christlichen Gemeinden lebt und wirkt.

Eine Antwort auf die Frage „Warum Ökumene?“ ist meines Erachtens daher nicht zuerst bei den Bischöfen oder Professoren zu finden, sondern vor allem in die Gemeinden, den Trägern gelebter Ökumene vor Ort und an allen Orten. Natürlich steht dies einem Forum im Rahmen des Katholikentages mit Bischöfen und Professoren keineswegs entgegen. Ein solches „akademisches Format“ sollte nur nicht die bestimmende Form sein. Die Fragestellung an Bischöfe, evangelisch oder katholisch, und an akademische Theologie, ebenfalls evangelisch und katholisch, sollte hingegen sein: Welchen Beitrag können sie leisten, um die ökumenische Bewegung weiter zu entwickeln und zu stärken?

Die Ökumene als christliche Verantwortungsgemeinschaft kann somit ihren Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Aufgaben leisten, um christliches Leben im persönlichen und gesellschaftlichen Leben zu gestalten. Auf die Frage „Warum Ökumene?“ gibt es sicherlich viele Antworten. Eine wäre, hier wiederhole ich mich,  „in einer pluralistischen Gesellschaft christlich Leben zu gestalten“. Diese Vielheit aufzuzeigen und wertzuschätzen, die in den Gemeinden unterschiedlich gelebt wird - und sie in das Bewusstsein der Kirchen und ihre vielen Gliederungen hineinzutragen, ist das Ziel des Zentrums Ökumene. Dieses soll durch vielfältige Angebote in Foren, Werkstattgesprächen und Begegnungen auf dem Katholikentag in Leipzig erreicht werden.

Auch war „Ökumenische Versammlung“ des konziliaren Prozesses in der DDR in den Jahren 1988 und 1989 ein wichtiges Ergebniss gelebter Ökumene vor Ort. Auf dieses Ereignis wird jedoch an anderer Stelle der Ausstellung eingegangen.
Wir wünschen uns, dass die Ausstellung Impulse für eine „Erweiterung der ökumenischen Tätigkeit vor Ort, an allen Orten“ und eine Ermutigung zu den vielfältigen Formen der Ökumene, die an die jeweiligen Situationen der einzelnen Gemeinde anpassbar ist bietet.
 


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